Ich bin Jahrgang 2000 und telefoniere für mein Leben gern. In meiner Generation macht mich das fast zur Außenseiterin.
Die halbe Gen Z fürchtet das Telefon. Eine junge Geschäftsführerin erklärt, warum das keine Charakterfrage ist, sondern fehlende Übung und was eine Frankfurter Anwaltskanzlei damit zu tun hat.
Die halbe Gen Z fürchtet das Telefon. Ich nicht. Und der Grund ist langweiliger, als alle denken.
Ich bin 2000 geboren und telefoniere wirklich gern. Das klingt banal, macht mich in meiner Altersgruppe aber fast schon zur Exotin, denn viele aus der Gen Z haben mit dem Telefon ein echtes Problem, ich eben nicht. Und nein, dahinter steckt keine große Story. Die Erklärung ist, ehrlich gesagt, ziemlich unspektakulär.
Man sieht es schon im Kleinen, bei uns im Freundeskreis. Sobald jemand beim Arzt anrufen müsste, beginnt ein Ritual: erst mal zwei, drei Tage liegen lassen. Dann in die Gruppe schreiben, ob das wirklich nötig ist. Und irgendwann, wenn es gar nicht mehr anders geht, übernimmt die Mutter. Ich kenne einige Mitte zwanzig, bei denen die Eltern regelmäßig Termine ausmachen. Ich sage das nicht, um mich lustig zu machen, im Gegenteil. Wenn man sich Zahlen anschaut, ist das nicht die Ausnahme, sondern eher der Normalfall. Auffällig bin eher ich.
Dabei telefoniere ich ohne großes Anlaufen. Kurz anrufen, klären, fertig. Lange habe ich geglaubt, das sei halt so ein persönliches Ding, wie bei Leuten, die von Natur aus gut einparken, während andere beim Rückwärtsfahren schon ins Schwitzen kommen. Irgendwann wurde mir klar: Mit „Naturtalent" hat das ungefähr so viel zu tun wie Einparken selbst.
Die Zahlen sind keine Anekdote
Die Zahlen sind eben keine nette Anekdote. In einer Schweizer Erhebung sagte die Hälfte der 16- bis 29-Jährigen, sie hätten Angst vor Telefonaten. Aus Großbritannien kommen ähnliche Ergebnisse für die Gen Z. Das sind nicht ein paar besonders Schüchterne, das ist ein riesiger Teil einer ganzen Altersgruppe.
Und es bleibt nicht bei einem mulmigen Gefühl. Wenn es stark genug ist, taucht es im Diagnosesystem auf: Telefonangst kann, wenn sie klinisch relevant wird, als soziale Phobie unter ICD-10 F40.1 laufen. Erst dann bezahlen Krankenkassen überhaupt eine Behandlung, und bis man so weit ist, muss einiges zusammenkommen. Die Angst muss deutlich über das hinausgehen, was man als normale Nervosität abtun könnte, sie muss stark belasten, dazu kommen körperliche Symptome. Nadine Wolf, Oberärztin am Universitätsklinikum Heidelberg, nennt etwa Herzrasen, Schwitzen, Erröten, Zittern, plus dieses Gefühl, im Gespräch unter Beobachtung zu stehen und performen zu müssen, mit der ständigen Gefahr, sich zu blamieren.
Eine Kasse zahlt nicht, weil jemand „einfach lieber schreibt". Sie zahlt nur bei anerkanntem Leidensdruck. Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man der Gen Z so gern unterstellt, sie sei bloß zu bequem zum Anrufen.
Ich hab's gelernt, weil ich musste
Warum mich der Hörer nie abgeschreckt hat, hat bei mir einen sehr einfachen Grund: Ich habe es gelernt, weil ich es musste. Neben dem Jurastudium habe ich jahrelang in einer Frankfurter Kanzlei gearbeitet, als Rechtsanwaltsfachangestellte. Mein Alltag war das Telefon. Die gesamte Zentrale lief über meinen Tisch. Verzweifelte Mandanten, genervte Gegenseiten, Gerichte, Versicherungen, und dazwischen die spezielle Sorte Anruf, die sich einbrennt: Menschen, die zum vierten Mal in einer Woche anrufen, um zu fragen, ob es „was Neues" gibt. Es gab fast nie etwas Neues, schon gar nicht seit gestern, aber ich musste es jedes Mal so sagen, freundlich und geduldig, dass sich die Person am anderen Ende trotzdem ernst genommen fühlte.
Am Anfang war das anstrengend. In der ersten Woche habe ich jeden Anruf im Kopf durchgespielt, bevor ich dranging. Nach zwei Wochen habe ich abgenommen, ohne vorher innerlich eine Rede zu halten. Und ein paar Monate später lief es nebenbei: telefonieren, Protokoll tippen, schon sehen, welche Leitung als Nächstes blinkt, alles gleichzeitig.
Begabung war das nicht. Es waren schlicht tausende Gespräche. Ein Gehirn, dem tausendmal nichts Schlimmes passiert, fängt irgendwann nicht mehr bei jedem Klingeln an, Alarm zu machen. Mehr steckt da nicht dahinter. Manche sagen heute, ich klänge am Telefon wie eine Radiomoderatorin. Das kommt nicht aus einer „glücklichen Veranlagung", sondern aus einer Telefonanlage in Frankfurt, die mich Tag für Tag gezwungen hat, genau das zu tun, wovor viele in meinem Alter sich drücken können.
Am meisten geprägt haben mich übrigens die Inkassofälle. Forderungen am Telefon einzutreiben ist eine eigene Sportart. Du rufst jemanden an, der garantiert keine Lust auf dich hat, der ausweicht, vertagt, vielleicht patzig wird, und trotzdem musst du das Gespräch zu einem Punkt bringen, an dem sich etwas bewegt. Heute würde man sagen: Das ist im Kern Vertrieb. Nur mit deutlich unangenehmerem Anlass.
Telefonieren ist ein Handwerk, kein Charakterzug
Genau deshalb nervt mich der Gedanke, Telefonieren sei ein Charakterzug. Als wäre das so verteilt wie Augenfarbe: die einen können's, die anderen eben nicht, Pech. Sobald man eine Generation zurückgeht, merkt man, wie schief diese Vorstellung ist.
Früher hat man Telefonieren ständig geübt, ohne dafür ein Wort zu haben. Ein Gerät im Flur, eine Leitung für alle, und wer jemanden sprechen wollte, musste eben anrufen, auch wenn zuerst die Mutter ranging und wissen wollte, wer da ist. Man rief beim Amt an, beim Pizzadienst, bei der Tante zum Geburtstag, im Kino wegen der Anfangszeiten. Abnehmen, sich vorstellen, ins Gespräch kommen, sein Anliegen formulieren, während der andere schon wartet, das hat sich tausendfach eingeschliffen, lange bevor man erwachsen war.
Diese Art Training ist bei uns einfach weggefallen. Ersatzlos. Wir sind mit Geräten groß geworden, auf denen Reden schriftlich stattfindet: tippen, nochmal lesen, löschen, umstellen, abschicken. Und wenn die Antwort komisch klingt, lässt man es halt. Am Telefon gibt es diese Sicherheitsnetze nicht. Was gesagt ist, steht im Raum. Nichts lässt sich zurückholen. Wer diese Direktheit nie üben musste, erlebt sie schnell wie eine Prüfung, auf die man nicht lernen konnte. Das ist keine Schwäche. Es ist eine Fertigkeit, und alles, was niemand trainiert, wird schlechter.
Mir hat die Kanzlei dieses Training aufgedrückt, ob ich Lust hatte oder nicht. Darin liegt der ganze Unterschied zwischen mir und Freunden, die ihre Mutter den Termin machen lassen. Nicht Gene. Wiederholung.
Warum ich ausgerechnet hier gelandet bin
Dass ich heute ausgerechnet dort gelandet bin, wo sich alles ums Telefon dreht, wirkt von außen wie ein Widerspruch: jemand aus der telefonscheuesten Generation baut ein Unternehmen, dessen Zweck Telefonieren ist. Für mich fühlt es sich logisch an. Ich habe am eigenen Beispiel gemerkt, dass die Angst vor dem Hörer kein Schicksal ist, sondern oft schlicht fehlende Routine. Und Routine kann man nachholen, wenn es einen Ort dafür gibt. Ich hatte zufällig diese Kanzlei. Die meisten haben keine Umgebung, die sie sechs Stunden am Tag ans Telefon zwingt.
DemoTalk soll genau dieser Ort für alle anderen sein. Üben, bevor es ernst wird, so oft man will, ohne dass am anderen Ende ein echter Mensch sitzt, der einen bewertet. Stattdessen spricht man mit einem KI-Gegenüber, das wie ein Mensch reagiert, und sammelt damit die Wiederholungen, die mir damals in der Zentrale die Nervosität abgebaut haben, noch bevor sie sich festsetzen konnte. Wenn einem mitten im Gespräch die Worte fehlen, wird die nächste Formulierung eingeblendet, so lange, bis man sie nicht mehr braucht.
Meine Generation hat kein Mutproblem. Es fehlt der Übungsplatz, den frühere Jahrgänge fast geschenkt bekommen haben und den unsere Lebensweise still und leise weggekürzt hat. Diesen Platz wieder aufzubauen, finde ich eine ziemlich sinnvolle Aufgabe. Ich habe aus nächster Nähe gesehen, wie schnell jemand, der vor dem Hörer stockt, zu jemandem werden kann, der auch schwierige Gespräche führt, ohne vorher dreimal zu schlucken.
Man muss nur rangehen. Und es oft genug tun, bis es nichts Besonderes mehr ist.
Häufige Fragen zur Telefonangst
Ist Telefonangst eine anerkannte Krankheit?
Telefonangst selbst ist keine eigene Diagnose, kann aber als Ausprägung einer sozialen Phobie nach ICD-10 F40.1 klinisch relevant werden. Erst nach einer solchen Diagnose übernehmen Krankenkassen die Behandlungskosten. Voraussetzung ist, dass die Angst unverhältnismäßig stark ausfällt, zu erheblichem Leidensdruck führt und körperliche Symptome wie Herzrasen, Schwitzen oder Zittern hinzukommen.
Warum hat gerade die Gen Z Angst vorm Telefonieren?
In Erhebungen aus der Schweiz und Großbritannien gibt rund die Hälfte der unter 30-Jährigen an, Angst vor Telefonaten zu haben. Der wahrscheinlichste Grund ist fehlende Übung: Eine Generation, die mit schriftlicher, jederzeit korrigierbarer Kommunikation aufgewachsen ist, hatte nie die alltägliche Telefonpraxis früherer Jahrgänge. Telefonieren ist eine Fertigkeit, und Fertigkeiten, die niemand trainiert, bleiben unterentwickelt.
Kann man Telefonangst loswerden?
Ja. Da die Angst meist aus fehlender Übung und der Furcht vor Bewertung entsteht, hilft kontrollierte Wiederholung in einer sicheren Umgebung. Wer oft genug telefoniert, ohne dass etwas Schlimmes passiert, verlernt die automatische Alarmreaktion. Genau dieses Prinzip nutzen Berufe mit hohem Telefonaufkommen ohnehin, und es lässt sich gezielt nachholen.
Was hat Telefonangst mit Vertrieb zu tun?
Im Vertrieb, besonders in der Kaltakquise, ist das Telefonieren mit Fremden die Kernaufgabe. Wer hier Angst vor dem Hörer hat, ist im Nachteil. Übungsumgebungen, in denen man Gespräche ohne echtes Risiko und ohne Publikum trainieren kann, helfen, diese Angst abzubauen, bevor sie im echten Job zum Problem wird.
Quellen: Schweizer und britische Erhebungen zur Telefonangst der Gen Z, u. a. berichtet von Blick und Uswitch; Watson-Interview mit Fachärzten zur Einordnung als soziale Phobie nach ICD-10 F40.1 und zur Kostenübernahme durch Krankenkassen; Nadine Wolf, Universitätsklinikum Heidelberg, zur Symptomatik (via Handelsblatt und National Geographic); JIM-Studie zur Mediennutzung Jugendlicher.